”Sonntag” 22.1982 , ”FOTOGRAFEN”, Text: Wolfgang Kil.

”Halb Berlin und ganz die Hauptstadt”, Stattbuch Verlag Berlin, 1987

”PHOTONEWS”, ZEITUNG FUER FOTOGRAFIE, 5/ 1989, Hamburg.

”DIE ZEIT”, 6. 1990

”DDR Frauen fotografieren”,   Lexikon und Anthologie, ex pose Verlag, 1989 und 1991. Gabriele Muschter

”PHOTO DESIGN+ TECHNIK, Magazin 1. 1988. München

”PHOTO DESIGN+ TECHNIK”, FOTOGRAFIE- Sonderheft, 1989

”DIE ZEIT”, 3. 1990 ”Frauen photographieren die DDR, Hunger nach dem Leben”, Text: Katja Worch

”EAST ZU PROTOKOLL / FOR THE RECORD. ”Mauerfälle”. 2010 .VERBUNDNETZ GAS AG

”monopol”, Magazin für Kunst und Leben, EAST ZU PROTOKOLL.

”DDR Frauen fotografieren”, ex pose Verlag, Lexikon und Anthologie, 1989/ 1991

Was diese Fotografin fordert, ist Sensibilität – um der Schönfärberei die Sicht auf Wesentliches entgegenzusetzen und der Sensation die Diskretion. ”Es macht eben einen Unterschied, ob man selbst ganz nah dran ist oder nur die Kamera.”

Einer solchen Haltung kann man vertrauen. Hier wird niemand preisgegeben. Sich selbst auf diese Weise-immer hellwach, mit allen Sinnen – der Wirklichkeit auszusetzen, erfordert viel Kraft. Ines Thate-Keler hat sich aufzubieten gelernt über die verschiedenen Etappen ihrer fotografischen Arbeit: als sie alte Menschen in ihrem Miteinander, aber auch in ihrem Alleinsein beobachtet: als sie später Jugendlichen an die Plätze ihrer Freizeitvergnügungen folgte; vor allem jedoch in den letzten anderthalb Jahren, da sie immer wieder mit der Kamera in verschiedene Betriebe der Eichsfelder Kleinindustrie ging und dort Frauen porträtierte, die in kräftezehrender Schichtarbeit Dinge produzieren, die so unauffällig sind, dass wir sie erst bemerken würden, wenn sie plötzlich ausblieben. Zigarren, Pullover, Perücken… Dieses umfangreiche fotografische Projekt ”Arbeiterinnen im Eichsfeld” wurde zu einem stillen, tief eindrucksvollen  Dokument vom Arbeitsalltag, wie er vieltausendfach erlebt wird. Es rechtfertigt ein weiteres Mal, Ines Thate-Keler zur ersten Reihe der Fotografen unseres Landes zu zählen.

Wolfgang Kil

aus ”Menschen-Bilder (Fotografien von Ines Thate-Keler)”

”Sonntag” 22, 1982. FOTOGRAFEN // INES THATE-KELER // Text: Wolfgang Kil

Fotografie war ihr hartnäckiger Berufswunsch. Sie absolvierte eine handwerkliche Fotografenlehre, bevor es mit dem Studium  (1969-1974) in Leipzig klappte. Seitdem lebt und arbeitet Ines Thate-Keler in Weimar und Leipzig.

Ihr Bild ”Kalibergarbeiter in der Kaue”, wurde auf der 2.Portätfotoschau der DDR mit einem Diplom bedacht. Von ihren sechs ausgestellten Fotografien  ist mir eines  besonders in Erinnerung geblieben:

Eine Frau in sommerlichem Kleid und mit wehenden Haaren, sie steht so gross im Vordergrund, dass sie den Bildrand zu sprengen scheint; mit einer ebenso kräftigen wie besorgten Bewegung drückt sie einen grossen Zottelhund an sich und blickt dem Betrachter mitten ins Gesicht. Dieses ”Porträt auf einer Hundeausstellung” hat sich mir eingeprägt, wegen einer gewissen Irritation, die von ihm ausgeht. Irritiert ist man durch die unverhüllte Direktheit, mit der die Kamera auf ein uns fremdes Gesicht gerichtet ist, allergrösste Nähe und doch immer noch Distanz genug, um vieles offenzulassen. Spannung zu erzeugen, die lange nicht abklingt. Wie macht man solche Fotos?

”Eigentlich ist es oft Zufall…man muss immer hellwach sein, ständig empfangsbereit für Begebenheiten, die was dafür hergeben könnten, was man als Aussage beabsichtigt. Als zum Beispiel die Frau vor mir den Hund hochnahm, war ich mir in genau dem Moment sicher: Das ist es!”

Es ist schwer, der Ines Thate-Keler über ein bestimmtes Bild auf ”ihre” Methode oder auf typische Eigenheiten ihrer Fotografie zu kommen. Wozu sie sich noch am bereitwilligsten bekennt, ist ihr bevorzugter Gegenstand, und der hört sich nicht ausgefallen an: ”Mich interessieren vor allem Menschen. Allerdings bin ich weniger auf den Typ aus, sondern eher auf die Beziehungen, die Menschen zueinander und zu den Gegenständen ihrer Zuneigung, vielleicht kann man auch sagen, zu ihrer gesamten Lebensphäre haben; oder eben manchmal nicht haben”.

Dabei  können die Mittel der Annäeherung durchaus verschieden sein:  Unter ihren Fotos gibt es welche, die sind still: obwohl sie wie gebaut wirken, sind das keinesfalls Monumente einer vorgefassten Sicht der Fotografin; es sind die darauf abgebildeten Menschen selbst, die sich so darstellen, nachdem ihnen Zeit und Gelegenheit eingeräumt wurde, ein Arrangement eigener Wahl zu treffen.

Im Gegensatz dazu vibrieren die dem Augenblick  zu verdankenden Bilder manchmal in heftiger Turbulenz. Bewegungsunschärfen aus denen sich die gesuchten Gesichter umso deutlicher hervorheben, auch willkürlich anmutende Ausschnitthaftigkeit – das sind sicher gehandhabte  Ausdrucksmittel, die auf Unmittelbarkeit, das Mitten-drin-sein der Fotografin deuten.

”Erst mal nur fühlen, die Antennen draussen haben..”, sagt sie auf die Frage, wie ein fotografisches Interesse auf einen bestimmten Menschen entsteht, und ”Zuallererst muss man wohl Zuneigung zu den Menschen empfinden, wenn man den Einzelnen dann fotografiert, schliesst das eine kritische Sicht nicht aus”- damit grenzt sich Ines Thate-Keler entschieden in Richtung zweier Extreme ab, die unserer Fotografie – Diskussion immer wieder Stoff zum Streiten geben: Auf der einen Seite jene ”Nur Positiven”, die damit es nur ja erbaulich  wirke, ausschliesslich das Schöne für abbildenswert halten, auf der anderen Seite die verbissenen ”Entlarver”, denen  ein Foto erst dann  sinnvoll und gelungen erscheint, …wenn es die ”trügerischen Schleier schönen Scheins” von den Dingen reisst. Beide Extremhaltungen führen in ihrer  Konsequenz zu gleichermassen bedenklichen Ergebnissen – zu Schönfärberei oder zur Koketterie mit Sensationen, und beide sind Formen von Oberflächlichkeit.

Sensibilität benennt Ines Thate-Keler als Hauptvorraussetzung, um der Schönfärberei die Sicht auf Wesentliches  entgegenzusetzen und der Sensation die Diskretion.

Vermeiden von Indiskretion bei Fotos, die doch ganz auf Unmittelbarkeit aus sind: ”Es macht eben einen Unterschied, ob man selbst ganz nah dran ist, oder nur die Kamera”. Mit solcher Haltung bedarf es keines kontrollierenden  Kalküls mehr- hier wird niemand preisgegeben. Die Menschen auf diesen Bildern bleiben bewahrt vor peinlicher Zudringlichkeit, und wenn nun manchmal etwas Rätselhaftes an ihnen bleibt, so ist das nur natürlich, und einer Fotografie, die man öfter anschauen möchte, durchaus zuträglich.

Die Begegnung mit einem Menschen auf diesen Fotografien hat viel Ähnlichkeit mit dem kurzen Auftauchen eines fremden Gesichtes in unserem eigenen, realen Alltag, dem Auftauchen des Zufallsnachbarn in der Strassenbahn zum Beispiel oder der Verkäuferin, die man durch eine Schaufensterscheibe beobachtet.

Womöglich ist es die Vertrautheit vieler Bildsituationen, die jene eingangs beschriebene Irritation auslöst: Weil da jemand diesen Bilderstrom angehalten hat, an dessen unaufhörlichen Ablauf wir uns gewöhnt haben. Plötzlich innehalten und ein Stück Welt betrachten wie ein Bild – das ist nicht allein Sehweise geschulter Fotografenaugen. Ein solcherart reiches Wahrnehmungsvermögen ist kein Privileg einer Berufsgruppe. Fotografen deuten mit ihren Produkten allerdings Möglichkeiten an. Fotos wie die von Ines Thate-Keler machen neugierig, wie man es selbst besteht, – das Abenteuer “Sehen”.

”Sonntag”, Text: Wolfgang Kil

PHOTONEWS , 5. 1989

PORTRAITS VON ARBEITERINNEN

Wenn wir Fotografien aus der DDR betrachten, wird uns besonders bei Reportagen auffallen, dass die Autoren ihr Vorhaben mit sehr grosser Ernsthaftigkeit bearbeiten. Sie werden nicht von der Notwendigkeit geleitet, spektakuläre Bilder liefern zu müssen, sondern versuchen, die meist sozialen Themen mit grossem persönlichem Engagement zu fotografieren. Bei der 1948 in Weimar geborenen Ines Thate-Keler wird erneut deutlich, wie auch scheinbar unspektakuläre Themen durch die Bearbeitung das Interesse wecken können. Die vorliegenden Aufnahmen entstanden im Rahmen eines Stipendiums, das an begabte Autorenfotografen vergeben wird. Die Arbeit von Ines Thate-Keler hat aus naheliegenden Gründen für relative grosse Unsicherheit bei den offiziellen Stellen gesorgt, weil sie sich von der eigentlich erwünschten Idealisierung abgewendet hat. Die Fotografin dokumentierte vielmehr mit den abgebildeten Personen ein Gefühl, das unweigerlich aufkommt, wenn man- wie in diesem Fall- eine Baumwollspinnerei, Perückenfabrik oder Zigarrenfabrik irgendwo in der DDR besucht. Die Ortsbestimmung sollte aber nicht suggerieren, dass die Arbeitswelt im westlichen Teil Deutschlands so umwerfend anders ist. Was allerdings sehr auffällig ist, ist die Tatsache, wie die Fotografin mit ihren Bildern Stellung bezieht. ”Es macht eben einen Unterschied, ob man selbst ganz nah dran ist, oder nur die Kamera”. Ein Zitat, das meiner Meinung nach genau das trifft, wodurch sich diese und vergleichbare Arbeiten unterscheiden. Es ist unmöglich, die ganze umfangreiche Arbeit von Ines Thate-Keler in PHOTONEWS zu präsentieren. Wir haben uns nach langem Überlegen für diese Serie entschieden, die uns einigermassen repräsentativ erschien.

Text: Denis Brudna, Anna Gripp

Portraits von Arbeiterinnen  // PHOTONEWS, 5. 1989 // Text: Ines Thate-Keler

Es war mein Anliegen, zu dokumentieren, wie der Arbeitstag all dieser Frauen aussieht, die in kräftezehrender Schichtarbeit Dinge produzieren, die so unauffällig sind, dass wir sie erst bemerken würden, wenn sie plötzlich ausblieben: Faschingsperücken, Taschen, Zigaretten, Zigarren, Pullover und Bürsten. Durch wiederholte Begegnungen kam mir das Leben dieser Frauen sehr nahe, wodurch ich mit ihnen auch intensive Gespräche ühren konnte. Die Frauen hatten das Bedürfnis, von ihren Sorgen und Nöten zu sprechen.”Wenn das erste Kind kommt, kommen auch die ersten Konflikte. Im Durchschnitt ist man 11 Stunden von zu Hause weg”.

Woher nehmen die Frauen die Kraft für die Familie? Die Mehrzahl der Arbeiterinnen kann und will, vor allem aus finanziellen Gründen, nicht auf die Arbeit verzichten. Daneben spielt aber auch die erhoffte Anerkennung und Kommunikation eine Rolle; doch alle Frauen betonen, dass sie sehr unter der Belastung des Schichtsystems, dem acht-dreiviertel Stundentag und unter dem stetig steigenden Leistungsdruck litten. Ihre Vorstellung, die Halbtagsarbeit, ist jedoch aus ökonomischen Gründen bei der Betriebsleitung indiskutabel.Während meiner Arbeit in den unübersichtlichen, düsteren und riesigen Fabriksälen sah ich faszinierende Gesichter, die für den Bruchteil einer Sekunde von ihrer Arbeit aufblickten; sah verlorene, scheinbar in sich versunkene Gesichter, und Augen, träumend?

Die Handbewegungen vieler Arbeiterinnen wirken, als seien die Frauen selbst Teil dieser Automaten. Manche Frauen arbeiten an ein und derselben Maschine bzw. demselben Arbeitsplatz 35 Jahre. Nach der unglaublichen Perfektion befragt, erklärten sie mir, dass man frühestens nach 5 – 7 Jahren eine solche Fertigkeit besitze, um zum Beispiel 3000 Zigarrenschachteln pro Schicht einpacken zu können.

Sie sagen: ”Am Abend, zu  Hause, bewegen sich die Hände weiter…”

In kurzzeitigen Pausen- für eine Zigarette – (die gibt es in der Zigarettenfabrik natürlich gratis)..suchen manche Frauen Entspannung in einem Gespräch. Die meisten sitzen aber einfach nur da. Müde, Ruhe suchend vor den abseits rotierenden Maschinen.

Diese endlos langen Arbeitstage, die ich oft als Aussenstehende, Ungestresste miterlebt habe, bedrückten und lähmten mich mit ihrer Eintönigkeit und ihrer grauen Aussichtslosigkeit. Wie muss sich erst diese Monotonie auf die Betroffenen in langen Jahren auswirken?

Schon in ganz jungen Gesichtern fand ich eine unendliche  Duldsamkeit, eine gewisse Schicksalsergebenheit, die mich betroffen machte. Was ist es, das diese Frauen eine solche Arbeit über Jahre, über Jahrzehnte, ja ihr Leben lang mit Ergebenheit, oft sogar mit Hingabe ausführen lässt?

Was erwarten diese Frauen – ohne die die Produktion nicht auskäme – vom Leben?

Kaputt von meinem ”Nur- Dabeigewesensein”, stellte ich mir abends in meinem Hotelzimmer diese und ähnliche Fragen. Am nächsten Tag bekam ich Antworten wie diese: ”Seit 10 Jahren die gleiche Naht an Einkaufsbeuteln zu nähen, ist zwar monoton, aber man kommt unter Menschen.”

”Wir im VEB Haarmoden sind ganz zufrieden, nur die Norm ist Stress. Wir haben einen guten Zusammenhalt. So fahren wir alljährlich (9 Stunden mit dem Nachtzug), zum Weihnachtseinkauf nach Berlin. Abends fahren wir wieder zurück. Letztes  Jahr bekamen wir ”Spee color”( ein Waschmittel), und jede erstand noch eine Kleinigkeit für die Familie.”

”Ich mache meine Arbeit gern, nur das steigende Leistungssystem… Man fühlt sich ja nicht jeden Tag gleich, 3 Minuten Fehlzeit bedeuten am Monatsende 70 Mark minus.”

Der Durchschnittslohn im VEB Haarmoden beträgt 680 Mark (DDR Mark) netto bei eingehaltener Norm.

Eine andere sagt:..gerade habe ich meinen Facharbeiterbrief bekommen. So eintönig habe ich mir das alles nicht vorgestellt…” Und ein anderes Zitat: ”Ich habe sechs Kinder und arbeite seit zwanzig Jahren in der Zigarrenfabrik. Natürlich rauche ich gern. Seit kurzem habe ich meinen Mann und meine Tochter auch hier im Dreischichtsystem untergebracht. Darüber bin ich sehr froh, denn mein Mann war vorher auf Montage.Vor vier Jahren konnten wir auf Kredit ein kleines Haus in der Altstadt kaufen.Das Wohnzimmer ist 13 Quadratmeter. Die Mädchen haben 2 Schlafzimmer, ..das ist alles eine grosse Erleichterung, denn wir lebten vierzehn Jahre in zwei Zimmern”.

Die Motivation wird finanziell begründet, aber auch aus dem Bedürfnis heraus, gebraucht zu werden, nützlich zu sein, Anerkennung zu finden. Auch der Kommunikationsfaktor spielt eine Rolle.Aus dem Bedürfnis heraus, gebraucht zu werden, mag auch die Bereitwilligkeit entstehen, immer hochgeschraubtere Leistungen zu erbringen. Da ist so etwas  wie Ehrgefühl und Stolz, etwas zu schaffen….